Presse

********** Auruf der tcsd-Orga 2012 *********
(english coming soon!)

LASST ES GLITZERN…
°°°ANTIFASCHISTISCH – QUEERFEMINISTISCH – ANTIRASSISTISCH – SOLIDARISCH°°°

Der Aufstand in der Christopher Street 1969 steht symbolisch für emanzipatorische LGBTQI Kämpfe weltweit.

Widerstand ist unumgänglich – solange wie Sexismus,
Rassismus, Patriarchat, Kapitalismus, Klassismus,
Antisemitismus, Trans- und Homophobie zum Alltag
gehören! Die bestehenden Machtverhältnisse müssen
solidarisch und gemeinsam bekämpft werden !

Diese Unterdrückungsmechanismen hängen miteinander zusammen. Sie
werden von allen ausgeübt und betreffen Menschen über kulturelle, religiöse und soziale Grenzen hinweg, in unterschiedlichem Ausmaß.
Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen! Diskriminierungen verschiedenster Art gehen uns alle an und müssen gemeinsam bekämpft
werden!!

Der im Nationalsozialismus verschärfte § 175 stellte explizit männliche Homosexualität unter Strafe. Auch jede weiter Form ‘abweichender’ Sexualität wurde im Faschismus mit Repression verfolgt. Seitdem wurde sich viel erkämpft – doch gibt es weiterhin Kontinuitäten! – zB durch medizinische Klassifizierung.

Durch diese werden alle, die vom heterosexuellen Zweigschlechtersystem
abweichen, schnell und oft pathologisiert: beispielsweise im Transsexuellengesetz, das dies als Krankheit beschreibt.
Dieses Weltbild kann tödlich sein: beispielsweise auf der Strasse, durch Abschiebung, in der Psychiatrie, im Knast…
Doch als Queers sind wir -egal wo auf dieser Welt – dazwischen und mitten
drin, uneindeutig, und vielfältig.

Der diesjährige tCSD steht im Zeichen
queerfeministischer Solidarität entgegen der
faschistischen Kontinuitäten und Entwicklungen.

Solange das Patriarchat – als institutionalisierter Sexismus – Realität ist, hat sich Feminismus mit dem Begriff Queer nicht erledigt! Für eine Welt ohne Einordnung in (Geschlechts)Kategorien und ohne alltäglichen, gewaltsamen, frauenfeindlichen Sexismus! Queer-Feminismus heißt, sich gemeinsam gegen Trans*- und Homophobie zu stellen, Haß gegen Frauen, sexuelle Gewalt sowie unterschiedliche Lohnzahlungen aufgrund einer Geschlechtszuordnung zu bekämpfen.

Rassismus äussert sich auf vielen Ebenen. Z.B. in der deutschen Abschiebepraktik, in der unaufgearbeiteten Kolonialgeschichte und in der menschenunwürdigen Unterbringung von Menschen in Lagern und Knästen. Auf dem neuen Flughafen BBI wird ein Abschiebeknast direkt mitgebaut. Abschiebehaft ist die konsequente Fortführung des gesellschaftlichen
Ausschlusses von Migrant_innen und Flüchtlingen!
in Sprache und Zuschreibungen aufgrund von Herkunft und Hautfarbe kann sich Rassismus äussern – auch das ist eine Form von Gewalt. Diese kann von Behörden und anderen institutionellen Einrichtungen – aber auch von Einzelpersonen ausgeübt werden.
Zugang zu kulturellen, sozialen und ökonomischen Ressourcen der Gesellschaft werden aufgrund von Diskriminierungen verwehrt. Lasst uns institutionellen Rassismus aufdecken, den eigenen erkennen und gegenseitige Unterstützung geben!
Lasst uns solidarisch sein mit unseren verschiedenen Kämpfen! Jeder Kampf braucht Verbündete. Individuelle Selbstbestimmung steht nicht im Gegensatz zu gemeinschaftlicher Verantwortung und Aktivismus.

Das kapitalistische System ist aufgebaut auf sozialer
Ungleichheit. Die Kämpfe von Queers müssen auf mehr zielen,
als das Erringen derselben Rechte der dominierenden
heterosexuellen weißen Mittelklasse!

Lasst uns zusammenhalten! Mit unseren unterschiedlichen Backgrounds und Lebensrealitäten!
Lasst uns Strategien entwickeln, wie wir uns solidarisch im Alltag, Arbeit, Behördengängen usw gegenseitig unterstützen!

Für die Abschaffung der Zweigeschlechterordnung!
— gegen Heteronormativität
Sofortige und ersatzlose Streichung der Kategorie „Geschlechtsidentitätsstörungen“ aus den gängigen
 Krankheitskatalogen (DSM und ICD)!!
Gegen jede Trans*pathologisierung!
Anerkennung von Homosexualität und Transsexualität
als Asylgrund !!
Bleiberecht für alle! Abschaffung der Residenzpflicht und der erzwungenen Heimunterbringung!
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – für Alle!!
Patriarchat und Klassismus bekämpfen!!

__________________________________________________________

Beitrag zum Motto des Transgenialen CSD 2011 :

Seit Mai 2011 sind zehn Prozent der Bürger_innen zur Auskunft beim „Zensus 2011“ verpflichtet. Wer sich weigert, wird mit Geldbußen bestraft. Die Volkszählung fragt, wo Du wohnst, mit wem, und in welcher Beziehung Du zu ihnen stehst, an was Du glaubst, nach Deinem Geschlecht, aus welchem Land Du kommst. Es wird nach Deinem Schulabschluss, nach Deinen Kindern und die von ihnen besuchte Schulart gefragt. Alle Daten werden vier Jahre lang nicht-anonymisiert gespeichert, und das zu „unser aller Besten“? Es ist zu erwarten, dass wieder mal Migrantions-, Flüchtlings-, Anti-Islam- und „Integrations“-Politik auf neuen statistischen Grundlagen verhandelt und gemacht werden wird – geprägt von der Angst, es gäbe zu wenig weiße, deutsche Akademiker_innen Kinder bzw. zu viele Kinder von Migrant_innen, Arbeiter_innen Hartz IV-Empfänger_innen. Die Herkunft und Migrationsgeschichte werden mit Anzahl von Kindern und angegebener Berufstätigkeit kombiniert werden können. Das Ergebnis werden Bild-Schlagzeilen wie diese zu dem vergangenen Herbst sein: „Die bittere Wahrheit über Ausländer und Hartz IV: 90 % der Libanesen und 26 % der Türken bekommen bei uns Stütze vom Staat! Die ganze Liste – Seite 2.“ (Bild, 23.11., S. 1).

„Dann wissen wir wie viele Wohnungen und Studienplätze benötigt werden. Gut für Alle!“

Achja?! Dass bezahlbare Wohnungen und Studienplätze fehlen, dass der Zugang zu Bildung rassistisch und klassistisch beschränkt ist, und dass Schulen und Universitäten zu Lernfabriken im unmittelbaren Kapitalinteresse verflacht werden, wissen wir auch schon jetzt! Es fehlen nicht mehr Daten, sondern gesellschaftliche und politische Kräfte, die bereit und in der Lage sind, eine andere Politik durchzusetzen. Und wer ist eigentlich Alle? Der Zensus-Werbefilm spricht Bände: Ein Hörsaal mit lauter weißen Studierenden mit T-Shirt in deutschen Nationalfarben…

Daten helfen da auch nicht weiter!

Die Volkszählung stützt sich des weiteren auf die Zusammenführung der Datensammlungen der Meldeämter und der Bundesagentur für Arbeit und behandelt damit die Arbeitslosen anders als den Rest der Bevölkerung. So wird eine bisher noch nie da gewesene Datensammlung entstehen, mit der das Funktionieren der herrschenden Machtverhältnisse optimiert werden soll. Auf Grundlage der Kategorien wird weiterhin diskriminierende Politik gemacht. Eine solche Datenbank produziert und reproduziert auch, was als Norm gelten soll und  was als „Problemgruppe“ gesondert erfasst wird. Auf Grundlage dieser Normen werden Identitäten zugewiesen und angenommen, die mit dem Ausschluss derjenigen, die der Identitätsnorm nicht entsprechen, einhergeht. So geht mit der Produktion von Normen immer Ausschluss einher. Wir stellen uns gegen solche Strukturen, die unterdrücken und unlebbare Positionen hervorbringen!

 Wir wollen aber weder uns noch andere auf diese Daten herunter gebrochen sehen! Schon jetzt wird Politik auf Grundlage dieser Unterscheidungen betrieben. Diese kategorisierenden Datenmengen werden von Universitäten, Stiftungen, Multi-Konzernen, Medien, Parteien, Klein- und Mittelkapitalist_innen, Parteien, Ämtern, Ministerien und Regierungen etc. verarbeitet und für deren Politik genutzt. Die rassistische Sarrazin-Kampagne ist nur das derzeit prominenteste Beispiel dafür. Das könnte uns egal sein, aber diese Macht bestimmt unser aller Alltag, unser Leben.

Und was hat das jetzt alles mit dem tCSD zu tun?

Queers brauchen wohl keine Sorge zu haben, dass eine rosa Liste entstehen würde – hinsichtlich der sexuellen Ausrichtung wird ja schließlich nur gefragt, ob Du verheiratet bist, ledig oder Dich in einer Lebensgemeinschaft befindest… Bist Du pervers, ledig, polyamourös oder lebst in einer Regenbogenfamilie (mit drei oder mehr Eltern), brauchst Du halt gar keine verratenden Angaben zu machen. Also werde ich gar nicht zur sexuellen Orientierung gefragt – was geht mich das also als queer an?!

Zwei- Geschlechter-Ordnung abschaffen!

Die Volkszählung greift auf, was in vielen Köpfen vorherrscht. Es wird in Kategorien gedacht, die oftmals als gegeben, „natürlich” und unhinterfragbar erscheinen. Kategorien wie Nationalität, ethnische Herkunft, Geschlecht, Klasse, Alter, Ability, Religion etc. werden so genutzt, um den ganzen Menschen zu beschreiben. Aus einem Individuum wird eine Person in der Schublade. So wird die Vielfalt von Interessen, Selbstbeschreibungen etc. von Individuen auf einige statistisch handhabbare Kategorien verkürzt. Mit einer solchen Sortierung von Menschen geht stets eine Hierarchisierung der hervorgebrachten Kategorien einher. Schnell erscheinen dann bestimmte Gruppen als minderwertig. Es wird eine Norm produziert, die schließlich dazu führt, dass Menschen, die die Norm nicht erfüllen, pathologisiert und kriminalisiert werden. Ander- erseits werden Sexualitäten jenseits der Heteronorm (z.B. mittels der „Homoehe“) normalisiert, statt die Norm (z.B. die Ehe) in Frage zu stellen. Wir sind nicht für einen derartigen Einschluss in die Norm, sondern richten uns gegen die bestehenden Machtverhältnisse an sich!

Wir stellen uns gegen eine Ordnung, die nur zwei Geschlechter kennt und alle Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen wollen und_oder können, stigmatisiert! Die unbedingte Sterilisationsvoraussetzung im Transsexuellengesetz (TSG) ist nicht konform mit dem Recht freie Entfaltung der Persönlichkeit und auf körperliche Unversehrtheit (in Verbindung mit der Menschenwürdegarantie), hat das Bundesverfassungsgericht im Januar entschieden. Doch bis zur uneingeschränkten Gleichstellung von Trans*, auf dem Arbeitsmarkt, im Gesundheitswesen, in allen Bereichen des öffentlichen Lebens ist es dennoch ein weiter Weg: Dasselbe Bundesverfassungsgericht sagt in der gleichen Entscheidung, dass Trans*menschen weiterhin die Dauerhaftigkeit und Eindeutigkeit ihres Geschlechts beweisen müssen.

Laut Gericht gehöre dazu, die Kleidung zu tragen und das Verhalten zu zeigen, das für das jeweilige Geschlecht geboten ist!

Trans*menschen sollen also weiterhin im sogenannten „Alltagstest“ ihre Unterwerfung unter die herrschenden Geschlechternormen, die definieren, was ‚richtige Frauen’ und ‚richtige Männer’ sind, beweisen. Seid kritisch! Geschlechter- und Identitätsverwirrung, Überschreiten und Lächerlichmachen von Zuschreibungen, Reflexion und Infragestellen der Norm an sich ist ein Anfang! Bedrohung und Verfolgung aufgrund von Hautfarbe, Religion, Klasse, Geschlecht – wer bei diesen Kategorien mehrere „falsche“ aufweist, dem droht damit auch mehrfache Diskriminierung. Dies betrifft auch unsere eigenen queeren Strukturen und Zusammenhänge. Diskriminiert zu werden, schließt nicht aus, auf andere Weise selbst zu diskriminieren.

Lasst uns im Kampf gegen Diskriminierung aufgrund von Rassismus, Sexismus, Klassismus und Heteronormativitaet solidarisch sein! Für queere Solidaritaet!

Westliche Staaten werben gerne mit Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben – besonders um sich besser als andere hervorzutun. Das zeigt sich in Annahmen wie Migrant_innen und Flüchtlings-Communities seien homophob. Selbst schwule Vereine und Beratungsstellen oder Einzelpersonen in der Queer-Community nehmen dies an und verbreiten es weiter. Rassistische Einlasspraktiken in Szene-Clubs, schiefe Blicke, Sprüche und klischeebeladene Vorbehalte gehen einher mit Versuchen eine westlich-metropolitante queer-Kultur in alle Welt zu exportieren.

So wird sich gerne mit der „Festung Europa“ identifiziert: Die EU gilt auch vielen Schwulen und Lesben als Musterbeispiel für Demokratie, Fortschritt und Toleranz. Tatsächlich aber werden durch die Politik der EU Ausbeutungsver- hältnisse im Inneren wie nach Außen gesichert, die durch die kapitalistische Globalisierung intensiviert werden. Die Schockwirkung der Finanzkrise wird als Argument genutzt, um weiter soziale Errungenschaften abzubauen sowie Ressourcen und Einrichtungen (von der Bahn bis zum Wasser, von der Bildung bis zu Wohnungsbaugesellschaften) zu privatisieren und auf Profitproduktion auszurichten. Menschen, die es wagen den Reichtümern ihrer Länder nach Europa zu folgen, werden entweder abgeschoben oder zum Leben in Heimen ohne ein Recht auf Selbstbestimmung gezwungen. Europa schottet sich ab und bleibt rassistisch – ganz im Sinn seiner kolonialen Geschichte. Demokratische Revolutionen in Nordafrika werden durch europäische Politiker_innen begrüßt. Dabei wird jedoch ausgeblendet: diese Revolten richten sich mitunter gegen die (durch die vorherrschende Wirtschaftspolitik verursachten) ökonomischen und sozialen Verhältnisse. Genau diese Verhältnisse schaffen auch hier die Grundlage für Unterdrückung und Diskriminierung, gegen die wir heute zusammen auf die Straße gehen.

Andere Formen des Zusammenlebens sind möglich – lasst uns gemeinsam dafür kämpfen!

Download Beitrag als PDF