tCSD 2008

Transgenialer CSD 2008

Transgenialer CSD 2008

Hallo liebe Leute,

hiermit geben wir feierlich bekannt, dass der Transgeniale CSD am 28.6.08 entgegen aller Gerüchte doch stattfinden wird.

Los geht’s ab 14:00 am Hermannplatz, unter dem Motto:

„Des Wahnsinns Fette Beute“

  • gegen Vertreibung
  • gegen Diskriminierung
  • gegen Kommerzscheiße

Thematisiert werden sollen unter anderem homophobe, transphobe und sexistische Übergriffe in Neukölln und
Xberg einerseits, andererseits Gentrification im Neuköllner Reuterkiez.

Wir würden uns freuen, wenn Ihr einen Stand bei der Abschlusskundgebung (Bühne,etc..) macht, einen Wagen mitschickt, Transpis malt oder einfach so mitlauft. Wir freuen uns über Euer hoffentlich zahlreiches Erscheinen, und über Eure eventuelle Mitwirkung, und würden uns ganz besonders freuen, wenn Ihr uns noch ein, zwei Stündchen als Ordner/innen auf dem CSD selbst opfern könntet.

Mit ganz lieben Grüßen

Euer TSCD Orga Team

freundeskreis videoclips: Transgenialer CSD (tCSD)

Wink- und Lächelstrapaze
Ein persönlicher Rückblick auf die vergangenen Christopher-Street-Days
Von Gottfried Ensslin*

Vor einiger Zeit machte jemand den Vorschlag, die jetzt wieder alljährlich anstehenden schwul-lesbischen Jubelfeste in Berlin nur noch alle vier Jahre stattfinden zu lassen. Bei Verkaufsstrategen als Verknappungsmarketing bekannt, sollte dies wohl eine Reaktion auf stagnierende oder sinkende Teilnehmerzahlen sein. Verkannt wird dabei aber nicht nur, daß diese Selbstfeiern der Gaycommunity fester Bestandteil vieler Berlin-Pauschalreisen sind, sondern auch, daß in Zeiten, in denen »Brot« immer teurer wird, »Spiele« als Ablenkungsstrategie unabdingbar sind.

Vor einiger Zeit war ich noch naiv genug, auf dem Kudamm-CSD im Ket­zergewand und mit Plakaten gegen die homophoben Frechheiten des Vatikan zu demonstrieren, kam mir aber deplaziert vor. Dieser CSD ist längst eine riesige Werbestrecke, die bei Firmen und politischen Parteien deshalb so beliebt ist, weil sie das bunte Beiprogramm keinen Cent kostet. Bei der Abschlußkundgebung an der Siegessäule erholt sich das schwule Establishment dann im streng bewachten VIP-Bereich am Schlemmerbuffet von den Wink- und Lächelstrapazen.

Das vorausgehende Motzstraßenfest ist nicht nur Jahrmarkt der Szene, sondern soll alle Bereiche der Gesellschaft abbilden, von denen »wir« doch ein genuiner Teil sind, wobei »wir« Wert darauf legen, daß »unser« besonderer Diensteifer sichtbar wird. Sind Polizei, Kirche und Unternehmerschaft schon lange präsent, fehlen zur Komplettierung noch Bundeswehr, BKA und Geheimdienste. Letztere könnten sich vom freundlichen Lederstand nebenan die entsprechenden Maskierungen ausleihen. Das Kiezfest in seinem derzeitigen Erscheinungsbild zeigt in aller Deutlichkeit, wie die Schwulenbewegung von einer gesellschaftsverändernden Kraft zur Stütze des Systems geworden ist.

Ein Gegengewicht dazu ist der seit einigen Jahren in Kreuzberg-Friedrichshain stattfindende »Transgeniale CSD«. Einer »Altschwester« wie mir, ich bin seit Anfang der 70er Jahre dabei, kommt dabei vieles angenehm vertraut vor. Er ist ein Zug durch den Kiez, bei dem von der Veränderungsdevise »Global denken, lokal handeln« zumindest ein Teil eingelöst wird. Deutlich ist der Einfluß der Queer/Gender-Theorie zu spüren, die an die allgemeine Geschlechterrollenkritik der frühen Frauen- und Schwulenbewegung anknüpft, diese vertieft und radikalisiert. Scharf analysiert wird der Unterschied zwischen Geschlecht und Geschlechterrolle. Es wird deutlich, daß die durch den Mann-Frau-Dualismus beherrschte Gesellschaft von ihren »Rändern« her verändert werden muß. Das über Jahrhunderte angesammelte Unrecht durch Geschlechterrollenzwang, Sexismus und schwullesbische Ausgrenzung wiegt aber zu schwer, um mal eben so als ein Haufen bunter Murmeln, in die Luft geworfen zu werden.

Außerdem entspricht die politische Praxis der Queer-Theorie bislang nicht der Radikalität ihres gedanklichen Ansatzes. Im Gegenteil: Die einflußreiche Prominenteninitiative »Queer Nations« (»Wir wollen stolzer Teil der deutschen Nationalgeschichte sein«) erhebt sich als Paradiesvogel in die Lüfte, um als Reichsadler im braunen Sumpf zu landen. Im Gegensatz dazu greift der »Transgeniale CSD« das wirklich Subversive an Queer auf. Selbsterfindungen wie Bart- und Brusthaartunten, Dragkings, oder eine männliche Jungoma im eleganten Schwarzen heben sich originell von der üblichen Glamourtravestie und den hybriden Muskelmännern ab. Verrutscht einer Tunte mal der BH ins Gesicht, deutet die aggressiv auftretende Polizei dies sofort als Verstoß gegen das Vermummungsverbot und greift ab. Doch der Zug bleibt stehen, bis sie wieder frei ist. Was einer/einem geschieht, geht alle an.

Bevor der Zug 2007 Kreuzberg erreicht, wird der für diesen Bezirk besonders aktuelle drastische Sozialabbau thematisiert und geschildert, was Armut konkret für den einzelnen bedeutet. Auch Lesben und Schwule sind entgegen ihrem öffentlichen Image als reiche Konsumenten in Wirklichkeit ganz überwiegend kleinverdienende Dienstleister und prekär Beschäftigte. Neben ähnlichen Diskriminierungserfahrungen als Minderheit ist dies ein wichtiger Anknüpfungspunkt zu den Communities der Migranten. Der riesige Reichtum dieser Gesellschaft, den gerade die Migranten in miesen, schlecht bezahlten Jobs maßgeblich mit erwirtschaftet haben, muß endlich gerecht verteilt werden, so daß zumindest niemand mehr bei den Ämtern betteln muß.

Angekommen in Kreuzberg richtet jemand auf Türkisch einen Appell an die Mitbewohner, über diese Probleme, aber auch über Geschlechterfragen, männlichen Chauvinismus und den Diskriminierungsstatus nachzudenken. Der Hintergrund dafür ist die reale Gefahr, daß sich Minderheiten zur Belustigung der Herrschenden gegeninanderstellen. Deshalb ist es unabdingbar, die objektiv gemeinsamen Interessen zu erkennen und politisch durchzusetzen. Das darf von queerer Seite nicht einfach an die schwullesbischen Migrantinnen und Migranten delegiert werden. Es gehört zur gemeinsamen Verteidigung von politischer Multikultur.

2006 propagierte der CSD: »Armut ist keine Privatsache!« Seit der frühen Schwulenbewegung (»Macht euer Schwulsein öffentlich!«) kennen sich Lesben und Schwule damit aus, wie man gegen Verheimlichung ankämpft und sie gemeinsam durchbrechen kann. Keine schlechten Voraussetzungen für einen Aufstand der Armen.

*Gottfried Ensslin ist Bruder der Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion (RAF), Gudrun Ensslin, lebt in Berlin, wo er als Buchhändler arbeitet. Seit den 1970er Jahren engagiert er sich in der Homobewegung.

Aus: sex und politik, Beilage der Tageszeitung junge Welt vom 24.06.2008

Berlin: 28. Juni, 14 Uhr, Hermannplatz, Neukölln: »Des Wahnsinns fette Beute«, Transgenialer CSD gegen Vertreibung, Diskriminerung und Kommerzscheiße

Arbeiten am Großartigen

Kein Disneyworld: Konträr zum CSD findet in Berlin der Transgeniale
CSD statt. Ein Gespräch mit Fatma de Winter vom Organisationsteam

Interview: Markus Bernhardt

Während am heutigen Sonnabend Tausende Lesben und Schwule am
30. Berliner Christopher-Street-Day (CSD) teilnehmen, um
einzig und allein ihre Homosexualität zu feiern, treffen sich
die Linken zum Transgenialen CSD, um gegen die Diskriminierung
von Homosexuellen, Transgendern und Migranten zu demonstrieren
und ein Signal gegen zunehmende Verarmung, völkerrechtswidrige
Angriffskriege und Neofaschisten zu setzen.

Linksalternative Lesben, Schwule und Transgender rufen auch in diesem
Jahr wieder zu einem Transgenialen CSD in Berlin auf. Warum wollen Sie
nicht am deutlich größeren CSD teilnehmen, der von der Homocommunity
organisiert wird?

Weil es einfach unterschiedliche Positionen gibt. Wir wollen auf unserem
CSD keine Nazis, Rassisten und Sexisten. Wenn die auf dem Mainstream-CSD
rumlaufen können und sich dort gemeinsam mit schwulen Soldaten,
Polizisten und Kirchenvertretern amüsieren, wünschen wir ihnen viel Spaß
dabei. Etliche Menschen, die sich eine gesellschaftliche Alternative
wünschen, haben eben auf diese Figuren keinen Bock. Außerdem haben wir
für den großen CSD keine Zeit, denn wir arbeiten am großartigen CSD!

Weil unsere Forderungen noch immer nicht erfüllt sind, wenden wir uns
wie bereits in den Jahren zuvor gegen Kriege. Diese sind niemals human.
Menschenrechte dürfen kein Vorwand für Kriege sein. Außerdem fordern wir
das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, sprechen uns gegen Rassismus
aus und thematisieren die zunehmende Armut. Wir haben uns an den
Protesten gegen den G-8-Gipfel und gegen das sogenannte Bombodrom
beteiligt und engagieren uns aktuell natürlich auch beim Projekt
»MediaSpree versenken!«. Wir wollen einfach nicht akzeptieren, daß die
Medienunternehmen hier ihr privates kleines Disneyworld errichten und
die Anwohner verdrängen, weil diese die steigenden Mieten nicht mehr
bezahlen können.

Während Schwule und Lesben in den Medien immer als gut verdienend
dargestellt werden, ist die Realität offenbar eine andere.

Es gibt etliche Leute, die von der ganzen schwullesbischen Partykultur
ausgeschlossen sind, weil sie kaum wissen, wie sie ihre Miete und ihren
Strom bezahlen sollen. Eben das ist für die Mehrheit die Realität und
nicht etwa der schwule Manager, der mehrere tausend Euro monatlich
verdient.

Unlängst kam es vor dem alternativen Kulturzentrum SO36 in
Berlin-Kreuzberg zu einem Angriff auf Besucher eines queeren Festivals.
Die Täter stammten offenbar aus den Reihen der neofaschistischen
türkischen Gruppierung »Graue Wölfe«. Wird dieser Übergriff auch auf Ihrem
CSD eine Rolle spielen?

Derartige Angriffe und Pöbeleien finden immer wieder statt, wenn auch
nicht in dieser Brutalität. Es gab eine Demonstration, bei der knapp
3000 Menschen ihre Solidarität mit den Opfern bekundet haben. Ob
deutsche oder türkische Nazis – beide gilt es entschieden zu bekämpfen.
Wir möchten verhindern, daß rechte Homogruppen wieder einmal den per se
homophoben Migranten herbeifabulieren und den Übergriff für ihre Zwecke
mißbrauchen. Man darf schließlich nicht vergessen, wie verbreitet
rassistische Meinungen auch bei Schwulen und Lesben sind. Wir haben im
Vorfeld unseres CSD Kontakte zu der Nachbarschaft des SO36 aufgenommen.
Wir sind uns mit dem Gros der Anwohner einig: Unser Bezirk soll bunt und
international sein und bleiben. Und dazu gehören eben auch Homosexuelle.
Und eben dafür werden wir beim transgenialen CSD auf die Straße gehen.

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Fotos: Umbruch Bildarchiv

Eine Antwort zu tCSD 2008

  1. Annika/Stefan schreibt:

    hey ich war gestern auf eurem alternativ CSD, und hey das war echt klasse, tolle musik, tolle leute und am ende echt klasse aufführungen mit sinvollen inhalten.
    den hass gegen polizisten kann ich nicht so ganz nachvollziehen, die waren doch alle nett soweit :O
    aber naja ich weis ja nicht was sonst so los ist. ich wollt euch nur sagen das ich, wenn es nächstes jahr wieder einen gibt auch 100ig wieder kommen werde.

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