Judith Butler lehnt Zivilcouragepreis ab!

Auf dem kommerziellen CSD (Motto: „Normal ist anders!“) hat Judith Butler heute Abend den Preis für Zivilcourage abgelehnt. Den hätten eigentlich eher Organisationen/Vereine wie GLADT, ReachOut, LesMigras, Suspect … und der Transgeniale CSD verdient!

Wir finden das große Klasse, ganz großes Theater! Danke, Judith!

Presseerklärung vom TCSD

Abschrift der Rede von Judith Butler:

… Zum Beispiel: Einige der Veranstalter_innen haben sich explizit rassistisch geäußert bzw. sich nicht von diesen Äußerungen distanziert. Die veranstaltenden Organisationen weigern sich, antirassistische Politiken als wesentlichen Teil ihrer Arbeit zu verstehen. In diesem Sinne muss ich mich von dieser Komplizenschaft mit Rassismus einschließlich antimuslimischen Rassismus distanzieren.

Wir haben alle bemerkt, dass Homo-, Bi-, Lesbisch-, Trans-, Queer-Leute benutzt werden können von jenen, die Kriege führen wollen, d. h. kulturelle Kriege gegen Migrant_innen durch forcierte Islamophobie und militärische Kriege gegen Irak und Afghanistan. Während dieser Zeit und durch diese Mittel werden wir rekrutiert für Nationalismus und Militarismus. Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, dass unsere schwule, lesbische, queer Freiheit beschützt werden muss und wir sind gehalten, zu glauben, dass der neue Hass gegen Immigrant_innen nötig ist, um uns zu schützen. Deswegen müssen wir nein sagen zu einem solchen Deal. Und wenn man nein sagen kann unter diesen Umständen, dann nenne ich das Courage. Aber wer sagt nein? Und wer erlebt diesen Rassismus? Wer sind die Queers, die wirklich gegen eine solche Politik kämpfen? Wenn ich also einen Preis für Courage annehmen würde, dann muss ich den Preis direkt an jene weiterreichen, die wirklich Courage demonstrieren. Wenn ich so könnte, würde ich den Preis weiterreichen an folgende Gruppen, die jetzt zu dieser Zeit und an diesem Ort Courage zeigen:

1. GLADT: Gays and Lesbians from Turkey. Das ist eine queere Migrant_innenselbstorganisation. Diese Gruppe arbeitet heute sehr erfolgreich zu den Themen: Mehrfachdiskriminierung, Homophobie, Transphobie, Sexismus und Rassismus.

LesMigraS, lesbische Migrantinnen und Schwarze Lesben, ist der Anti-Gewalt und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin. Er kann auf nunmehr 10 Jahre erfolgreiche Arbeit zurückblicken. Sie arbeiten zu Mehrfachdiskriminierung, Self-Empowerment und antirassistische Arbeit.

SUSPECT, eine kleine Gruppe von Queers, die eine Anti-Gewaltbewegung aufgebaut haben und die dafür einstehen, dass es nicht möglich ist, gegen Homophobie zu kämpfen ohne auch gegen Rassismus zu kämpfen.

ReachOut ist eine Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer, antisemitischer und homophober, transphober Gewalt in Berlin. Sie sind kritisch gegenüber struktureller und staatlicher Gewalt.

Ja, und das sind alles Gruppen, die bei dem Transgenialen CSD mitarbeiten, mitgestalten, der sich gegen Homophobie, Transphobie, Sexismus, Rassismus und Militarismus einsetzt und im Gegensatz zum kommerziellen CSD sein Datum wegen der Fußball-Weltmeisterschaft nicht verschoben hat.

Ich möchte diesen Gruppen gerne gratulieren für ihre Courage und es tut mir leid, dass – unter diesen Umständen kann ich den Preis nicht annehmen.

(Judith Butler, 19. Juni 2010, auf dem CSD in Berlin)

Presseerklärung von SUSPECT

Blog „Im Garten mit Sadie“

Siegessäule

Spiegel

taz

der Freitag

Junge Welt vom 22.06.2010

Junge Welt vom 25.06.2010:

Krasse Form
Linke, Transen, Lesben, Schwule, Queers in Berlin – heraus zum Transgenialen CSD!
Von Dirk Hein

Morgen findet in Berlin-Neukölln der Transgeniale Christopher Street Day (CSD) statt. Die linke Opposition zum Mainstream-CSD, der voriges Wochenende über die kommerzielle Bühne ging. Bei dieser Massenveranstaltung sollte die international bekannte Philosophin und Gender-Theoretikerin Judith Butler einen »Preis für Zivilcourage« bekommen, was diese aber öffentlichkeitswirksam ablehnte und genau das aussprach, was linke Lesben, Schwule und Transgender am CSD schon seit Jahren kritisieren: Er ist karnevalesk, konsumorientiert und unpolitisch. Außerdem beteiligen sich Funktionäre der stets unbedeutender werdenden und biederen Mainstream-Homobewegung an antimuslimischer und rassistischer Stimmungsmache. Neben den Werbepartnern und Zehntausenden heterosexuellen Zaun- und Partygästen nimmt am normalen CSD kaum mehr ein Homo teil, der noch halbwegs mit Herz und Hirn ausgestattet ist.

Butler hatte den Organisatoren dieses bestenfalls nervigen Homo-Events vorgeworfen, daß ihnen »an der Auseinandersetzung mit dem eigenen Rassismus nicht gelegen« sei und damit in ein Wespennest gestochen. Die Funktionsträger des Berliner Homoklüngels gaben sich pikiert und wiesen den Vorwurf, gemeinsame Sache mit Rassisten zu machen, empört von sich.

Ausgerechnet Jan Feddersen, taz-Redakteur für besondere Aufgaben und von 2005 bis 2009 »politischer Koordinator« des Berliner CSD, warf Butler in seiner Hauspostille »eine krasse Form der Taktlosigkeit den Veranstaltern gegenüber« und »eine Täuschung in eigener Sache und die ihrer Gastgeber« vor. »In welcher Hinsicht der Berliner CSD im Gegensatz zum ›Transgenialen CSD‹ rassistisch sein soll, bleibt bis heute im dunkeln«, so Feddersen weiter. Dabei war es der taz-Redakteur selbst, der in der Vergangenheit pauschal Jugendliche islamischer Prägung als »öffentliche Gefahr« ausmachte und außerdem im offiziellen CSD-Programmheft von 2003 über einen »arabischen Mob« herzog.

Thomas Birk, schwulenpolitischer Sprecher der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, bezeichnete die Kritik Butlers im Tagesspiegel als »Affront«, der fatal sei für das Image der Stadt. Tatsächlich fatal ist die Politik des selbsternannten Antigewaltprojekts »Maneo«, in dessen Vorstand Birks Partner Rudolf Hampel sitzt, das aufgrund seiner rassistischen Ausfälle gegen Migranten über die Grenzen Berlins hinaus bekannt wurde.

Judith Butler forderte auf dem CSD dazu auf, den transgenialen CSD zu besuchen, der auch von schwul-lesbischen Migrantengruppen wie den »Gays & Lesbians aus der Türkei« (GLADT) mitorganisiert wird. Unter dem Motto »Gewaltige Zeiten – Gewaltiger queerer Widerstand!« versteht sich die Veranstaltung als politische Demonstration. So besteht zumindest die Hoffnung, daß die linken Aktivisten ihren »gewaltigen Widerstand« nicht nur wie vorgesehen gegen Krieg, Rassismus, soziale Verdrängung und Ausgrenzung in Stellung bringen, sondern auch gegen Vetternwirtschaft und rassistische Stimmungsmache in der eigenen Community.

 

Über transgenialercsd

Der Transgeniale CSD finde jedes Jahr am letzten Samstag im Juni im Gedenken an den Christoper Street Day statt. Er erinnert an den ersten, bekannt gewordenen Aufstand von Lesben, Schwulen und anderen queeren Menschen gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street im Stadtviertel Greenwich Village: In den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 fand in der Bar Stonewall Inn der sogenannte Stonewall-Aufstand statt. Es kam in der Folge zu tagelangen Straßenschlachten zwischen Homosexuellen und der Polizei.
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11 Antworten zu Judith Butler lehnt Zivilcouragepreis ab!

  1. Luzi schreibt:

    Hej,
    ladet die Judith zum tCSD ein (wenn sie da noch in der Stadt ist)! Das wär ja nur logisch und wird den Inhalten medientechnisch noch mehr Gehör verschaffen!

    • transgenialercsd schreibt:

      Sie kommt nicht. Leider.

      • xstatic schreibt:

        …schon schrill, dass Butler da coram publico über Veranstaltungen spricht, die sie noch nie besucht hat. Ich bin ein großer Freund des „alternativen CSD-Gedankens“ in Berlin seit seinem Entstehen in den frühen Neunzigern: Und gerade deshalb ärgert es mich sehr, dass der TSCD der Meinung ist, sich in diesem Jahr derart im Kontext zu Butler definieren zu müssen. Der Vergleich zwischen beiden „Prides“ ist einfach verzichtbar und letztlich völlig uninteressant. Die heimliche „Gewinner“-Attitüde hat was Unangenehmes. Der TCSD spricht doch großartig für sich!! Wozu der permanente Verweis auf den Tiergarten?
        Merkwürdige Bigotterien werden angeheizt: Gloria jedenfalls hat sich im Medien-Blitzlicht des CSD e. V.-Backstage eine Woche vor dem Kreuzberger CSD pudelwohl gefühlt…
        Seufz,
        CP

  2. Joni.T schreibt:

    Moin moin,
    wir haben den Beitrag von Judith Butler bei L-talk als Video und Transcript veröffentlicht:
    http://www.l-talk.de/gesellschaften/judith-butler-csd-nicht-antirassistisch-genug.html
    Herzlichen Glückwunsch zu der großartigen Anerkennung!

  3. Pingback: Judith Butler in Berlin: Rassismus-Kritik, Demokratie-Ideale und wenig zu Anti-Kriegspolitik « mädchenblog

  4. Tortsch schreibt:

    Definitiv wäre Judith Butler eine Bereicherung für den Transgenialen CSD wenn sie uns schon so sehr auf dem kommerziellen CSD lobt! Tuschè an den Veranstalter, ich weis schon ganz genau wieso ich nie den kommerziellen CSD besuchen werde.

  5. Pingback: Schwuchteln, Schwule und andere Menschen – Homophobie im Fußball « Analyse, Kritik & Aktion

  6. Bodo schreibt:

    Judith Butler hat den Zivilcouragepreis verdient, denn sie hat unbestreitbare Verdienste für eine grundlegende Kritik an der Heterosexualität als Norm gesellschaftlicher Verhältnisse. Wir haben Sie als kritische Intelektuelle eingeladen und von daher mussten wir mit Kritik rechnen. Doch ihre Kritik des Nationalismus und Rassismus durch „Teile der Mitveranstalter“ irritiert uns. Der CSD hat nur einen Veranstalter, den Berliner CSD e.V. repräsentiert durch die vier Vorstände. Thema, Motto und Forderungen werden im CSD-Forum basisdemokratisch bestimmt. Dies ist bundesweit einzigartig.
    Der Berliner CSD wendet sich stets gegen jede Form des Rassismus und Antisemitismus. Wir freuen uns über das schwenken israelischer Fahnen auf dem CSD, anders als beim Transgenialen CSD in Kreuzberg.
    Da Frau Butler noch bis zum 12. Juli in Europa weilt, werden wir mit ihr das Gespräch suchen, damit sie die Vorwürfe konkretisieren kann. Wir haben sie bereits kontaktiert. Wir werden auch das Gespräch mit den von ihr benannten Gruppen suchen, einige Gespräche sind sogar schon erfolgt.
    Schade finden wir, dass wir diesmal mit Thema und Motto ein klares Bekenntnis für die Menschenrechte von Trans* und Intersexuellen abgeben wollten. Ammo Recla, ABQueer, sprach auf der Bühne über Transrechte im Berliner Akzeptanzplan. Dieses Thema fiel nun durch Butlers Eklat nach hinten.
    Der Berliner CSD lebt von der Community, deshalb werden nach dem Sommerloch wieder die gesamte Community zu einem Forum einladen. Wir hoffen, das LesMigras, Suspect, die Lesbenberatung (die im übrigen den Zivilcouragepreis vor drei Jahren vom Berliner CSD erhalten hat) und viele andere an einer interessanten Debatte zu Inhalt und Form des nächsten CSD teilnehmen.
    Bodo, Vorstand Berliner CSD

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